Historische Quellen — Labrador Retriever

A History and Description
of the Modern Dogs
Sporting Division

Rawdon B. Lee war der Kennel-Editor des Field — der Referenzzeitschrift der britischen Kynologie. Sein 1893er Kapitel über Retriever ist die vollständigste Quelle zum Stand des langen Fells bei britischen Retrievern zehn Jahre vor der Anerkennung des Labradors.

Vollständiger Titel
A History and Description of the Modern Dogs of Great Britain and Ireland (Sporting Division)
Autor
Rawdon B. Lee
Kennel Editor, The Field
Jahr
1893
Verlag
Horace Cox, Londra
Schlüsselkapitel
Kap. XVIII — The Retriever, S. 369–398
Text
OCR aus dem Original-PDF
Gemeinfrei
Wer war Rawdon B. Lee

Der Kennel-Editor des Field:
der Mann, der die Hunde beschrieb, die zählten.

Rawdon B. Lee war kein Theoretiker — er war der Kennel-Editor des Field, der viktorianischen britischen Referenzsportzeitschrift, und kannte persönlich die führenden Züchter, Ausstellungshunde und Arbeitshunde der Zeit. Sein Buch von 1893 ist von einem Beobachter geschrieben, der diese Hunde aus erster Hand gesehen hatte, der die Kennels, die Stammbäume, die Geschichten kannte. Für das Retriever-Kapitel widmet Lee dem Curly-Coated, dem Flat or Wavy-Coated und den Retrievern \"anderer Farben" separate Abschnitte — und behandelt den Wavy-Coat nicht als marginale Variante, sondern als den Retriever der Zukunft.

Passage 1 — p. 371

Curly, wavy, straight:
alle Varianten desselben modernen Retrievers.

Originaltext — OCR aus dem Original-PDF
"It must be taken for granted that our modern retriever, be he either curly-coated, straight or wavy-coated, black, brown, or pale liver in colour, at some time was produced from one or other of the crosses I have named."
Rawdon B. Lee, A History and Description of the Modern Dogs (Sporting Division), 1893, p. 371

Lee listet drei Fellvarianten der damaligen Retriever auf — lockig, gerade und wellig/lang — als gleichwertige Varianten desselben modernen Hundes. Es gibt keine Hierarchie. Es gibt keine \"richtige" Variante und eine zu tolerierende. Sie sind alle normale Varianten, aus denselben Gründerkreuzungen produziert.

Passage 2 — p. 380

Der Flat or Wavy Coated:
\"der Hund der Zukunft."

"THE FLAT OR WAVY COATED BLACK RETRIEVER. This handsome and kindly dog, so say its admirers, is to be the dog of the future. Whether this will prove the case or not only that future can decide, but, taking a line from the progress it has made in public esteem during the past dozen years or so, it is a prognostication likely enough to prove correct. Here we have a creature made for use; handsome, kindly in disposition, obedient, easy to rear, breeding true to type, and well answering the purpose for which it is intended, so there can be little fear of retrogression on its part."
Rawdon B. Lee, A History and Description of the Modern Dogs (Sporting Division), 1893, p. 380

1893 eröffnet Lee den Abschnitt über den Wavy-Coated Retriever mit dieser enthusiastischen Aussage. Zu beachten: \"breeding true to type" — er reproduzierte sich typentreu. Es war keine instabile Kreuzung, keine kapriziöse Variante. Es war ein Typ, der sich von Generation zu Generation hielt. Genau das erwarten wir von einem stabilen rezessiven Gen wie FGF5: Es exprimiert sich vorhersehbar und reproduziert sich kontinuierlich.

Passage 3 — p. 382

Die Ursprünge aus dem Labrador:
\"pure and simple Newfoundlands."

"It has taken a few years' careful work to bring the wavy retriever to what it is at the present time. Not too big but just big enough. Our grandfathers said, 'Oh! we want a big retriever, a strong \'un; one that can jump a gate with an 8lb. hare in its mouth, and gallop with one at full speed.' This is not so now. [...] pure and simple Newfoundlands."
Rawdon B. Lee, A History and Description of the Modern Dogs (Sporting Division), 1893, p. 382

Lee beschreibt die Ursprünge des Wavy-Coated Retrievers aus reinen Neufundländern — \"pure and simple Newfoundlands". Nicht aus Kreuzungen mit Settern oder anderen langhaarigen Hunden, wie die kynologische Volksüberlieferung der Zeit oft nahelegte: aus direkt importierten Neufundland-Hunden. Dies bestätigt, dass das lange Fell bei britischen Retrievern nicht das Ergebnis äußerer Verunreinigungen war, sondern das Erbe der ursprünglichen Inselhunde.

Passage 4 — p. 385

Der Labrador im Stammbaum
der besten Wavy-Coated.

"No setter cross has ever been used, but one of the older stock, Paris, was a Labrador, still he was a great winner on the bench in his day. Mr. G. T. Bartram's good old dog, Zelstone, used with great success of late years as a sire, has likewise an undoubted strain of Labrador in him."
Rawdon B. Lee, A History and Description of the Modern Dogs (Sporting Division), 1893, p. 385

Dieser Passus — bezogen auf das Kennel von S. E. Shirley, Gründer und erster Präsident des Kennel Club — ist aufschlussreich. Lee demontiert die Setter-Kreuzungstheorie für das lange Fell: Im wichtigsten Kennel der Zeit wurde nie ein Setter eingesetzt. Das lange Fell kam direkt aus der Labrador-Linie. Paris war ein reiner Labrador. Zelstone hatte \"an undoubted strain of Labrador in him" — eine zweifellos Labrador-Linie. Das lange Fell bei den Wavy-Coated Retrievern der 1880er und 90er war direktes Erbe der Neufundland-Hunde, keine äußere Verunreinigung.

Passage 5 — p. 386

Die Mode, die den Typ korrumpierte:
Gerader Coat = Setterköpf.

"At the present time there is a tendency to produce the wavy-coated retrievers with an inclination to the type and shape of head possessed by the setters. This is, no doubt, due to the fallacy carried out in breeding for straight coats, which are all very well in their way, attractive enough in the show ring, but thoroughly bad from a workman's point of view."
Rawdon B. Lee, A History and Description of the Modern Dogs (Sporting Division), 1893, p. 386

Lee ist ein scharfer Kritiker der Kynologie seiner Zeit. Im Jahr 1893 sieht er bereits, was geschah: Die Selektion auf gerades Fell brachte den Setterkopf in den Retriever — ein morphologisch anderer Typ als das Original, \"thoroughly bad from a workman's point of view." Der Druck hin zu kurzem, geradem Fell \"reinigte" die Rasse nicht — er entfernte sie vom ursprünglichen funktionalen Typ. Eine Beobachtung, die in der heutigen Diskussion über den Wavy Coat noch immer nachhallt.

Der Wert dieser Quelle

1893: das lange Fell als direktes Erbe
des Neufundländers — nicht als Kreuzung.

Lees Buch von 1893 ist wertvoll, weil es die dominante viktorianische Theorie von innen demontiert — die Setter-Kreuzungstheorie als Ursprung des Wavy-Coats bei Retrievern. Lee zeigt mit spezifischen Namen, Stammbäumen und Kennels, dass die besten Wavy-Coated der Zeit von reinen Neufundländern abstammten und dass das lange Fell ihr direktes Erbe war, keine von außen eingebrachte Anomalie. Das Kapitel ist zehn Jahre vor der Anerkennung des Labradors als eigenständige Rasse geschrieben, in einem Moment, in dem Curly und Wavy zwei gleichwertige Varietäten desselben britischen Retrievers waren.

← Alle Bücher ← 1877 Kennel Club 1936 Lord Scott →