Wer war Lord George Scott
und warum dieses Buch wichtig ist.
Lord George William Montagu-Douglas-Scott war Sohn des sechsten Herzogs von Buccleuch — derselben Familie, die zusammen mit dem Earl of Malmesbury die Neufundland-Hunde importiert und selektiert hatte, die zum Labrador Retriever werden sollten. Er schrieb nicht über eine ferne Geschichte: Er dokumentierte die Geschichte seines Familienkennels, mit direktem Zugang zu den Originalregistern, den Briefen der Züchter und den Archiven der großen schottischen Güter. Das Vorwort ist vom Sekretär des Kennel Club unterzeichnet, der die Veröffentlichung persönlich gefördert hatte.
1822: W. E. Cormack in Neufundland.
Kurz- und Langhaar — dieselbe Rasse, praktische Wahl.
Scott zitiert Cormacks Bericht von 1822 — die erste ausführliche schriftliche Dokumentation des St.-John's-Hundes. Die Passage belegt das Nebeneinander der beiden Fellvarietäten am Ursprung und den rein praktischen Grund, warum die Fischer das kurze Fell bevorzugten.
"The dogs are admirably trained as retrievers in fowling and are otherwise useful. [...] The smooth or short-haired dog is preferred because in frosty weather the long-haired kind become encumbered with the ice on coming out of the water."W. E. Cormack, 1822 — citato in Lord George Scott, The Labrador Dog: Its Home and History, 1936, p. 17
Cormack beschreibt nicht zwei verschiedene Rassen: Er beschreibt zwei Fellvarianten desselben Arbeitshundes. Die Vorliebe für das kurze Fell war dem polaren Klima geschuldet. Es gab kein Qualitäts- oder Reinheitsurteil. Die langhaarigen Exemplare waren gleichermaßen fähig, wurden gleichermaßen eingesetzt und an die Engländer verkauft.
1814: Oberst Hawker.
"Rough hair" und Kurzhaar — das älteste Zeugnis.
Die Beschreibung von Oberst Peter Hawker aus dem Jahr 1814 ist die älteste im Buch zitierte Quelle. Hawker unterscheidet ausdrücklich zwei Typen des Neufundland-Hundes: den ersten mit rauhem Fell (rough hair), den zweiten — für die Jagd bevorzugt — mit kurzem Fell. Beide kommen von der Insel. Beide werden mit demselben Namen bezeichnet.
"The one is very large, strong of limb, rough hair and carries his tail high. [...] The other, by far the best for every kind of shooting [...] is generally black and no bigger than a pointer, very fine legs with short smooth hair, does not carry his tail so much curled as the other, and is extremely quick, running, swimming, and fighting."Colonnello Peter Hawker, 1814 — citato in Lord George Scott, The Labrador Dog: Its Home and History, 1936, p. 17
Das "rough hair" des ersten Typs ist eine morphologische Beschreibung, kein Defekt. Das lange Fell war im ursprünglichen Landrasse ebenso vorhanden wie das kurze. Hawker bevorzugt das kurze Fell aus praktischen Gründen — nicht weil er das lange Fell für unrein oder nicht-Labrador hält.
1887: der Brief von Lord Malmesbury.
Das "close coat" als Kriterium — warum es nötig war.
Im Jahr 1887 schrieb Malmesbury zum Geschenk der Hündin Nell an den Herzog von Buccleuch die erste schriftliche Definition des "echten" Labradors. Die Tatsache, dass er das Fell als diskriminierendes Kriterium spezifizieren muss, ist indirekt der Beweis dafür, dass langhaarige Exemplare vorhanden waren — auch in den besten Kennels.
"We always call mine Labrador dogs, and I have kept the breed as pure as I could from the first I had from Poole, at that time carrying on a brisk trade with Newfoundland. The real breed may be known by their having a close coat, which turns the water off like oil, and, above all, a tail like an otter."Lord Malmesbury, lettera al Duca di Buccleuch, 1887 — citata in Lord George Scott, The Labrador Dog: Its Home and History, 1936, p. 33
Wenn alle Hunde kurzes Fell gehabt hätten, wäre es nicht nötig gewesen, dies zu spezifizieren. Das lange Fell war keine anomale Ausnahme: Es war häufig genug vorhanden, um eine Definition zu erfordern, die es vom Standard unterscheidet.
1882: die "wavy or flat-coated dogs"
im Kennel von Buccleuch.
Bei der Beschreibung des Kennels des sechsten Herzogs von Buccleuch im Jahr 1882 verwendet Scott eine aufschlussreiche Formulierung: Das Kennel, das dem direktesten Nachkommen der ursprünglichen Linien entspricht, bestand nicht ausschließlich aus kurzhaarigen Labradors.
"The retrievers of the sixth Duke of Buccleuch at that time — 1882 — consisted of some wavy or flat-coated dogs and a few red or yellow dogs given by Lord Ilchester."Lord George Scott, The Labrador Dog: Its Home and History, 1936, p. 29
Wenn das lange Fell im Kennel von Buccleuch vorhanden war, war es überall vorhanden. Scott meldet dies nicht als Problem: Es ist schlicht die Beschreibung dessen, was vorhanden war. "Wavy or flat-coated" war der gebräuchliche Name für Retriever mit längerem Fell — einschließlich dessen, was später zum Flat Coated Retriever als eigene Rasse werden sollte.
Die zweite Varietät aus Neufundland:
kompakt, muskulös, langes Fell, gefiederte Rute.
Sir John Middleton zitiert im zweiten Teil des Buches eine zoologische Beschreibung, die zwei morphologisch unterschiedliche Typen des Neufundland-Hundes unterscheidet. Der zweite entspricht vollständig dem Erscheinungsbild des modernen langhaarigen Labradors.
"There is also another breed, with long hair, and a long, full-fringed tail, of moderate stature, compactly made, very muscular, and of a black colour. The dogs known in England as Newfoundlands are generally of larger stature, rough, rather loosely made, and apt to be weak in the loins and hinder quarters."Citato in Sir John Middleton, Part II di Lord George Scott, The Labrador Dog: Its Home and History, 1936, p. 54
Mäßige Statur, kompakter Körperbau, sehr muskulös, schwarze Farbe, langes Fell mit gefiederter Rute. Das ist der Wavy Coat — nicht der große Ausstellungs-Neufundländer, sondern der kompakte Arbeitshund, der dasselbe FGF5-Gen trug, das heute in Labrador-Welpen wieder auftaucht.
Was uns dieses Buch,
insgesamt, sagt.
Das "Labrador Dog: Its Home and History" ist das maßgeblichste verfügbare Dokument über die Ursprünge der Rasse. Was es sagt, ist klar: Das lange Fell war ein wesentlicher Bestandteil des ursprünglichen Landrasse. Es war in Neufundland vorhanden, in den Kennels von Malmesbury, in Buccleuch. Die Selektion hin zum kurzen Fell war eine bewusste Entscheidung der britischen Züchter — keine Reinigung von etwas, das immer so gewesen war. Das Langhaargen ist kein Eindringling: Es ist ein Überlebender.